VUCA World

Nach meinen Vorträgen zum Thema der „VUCA-Welt“ wurde ich immer wieder gefragt, ob es denn ein Handout gebe. Das gab es nicht und ich habe versprochen, den Vortrag als Text auf meinen Blog zu stellen. Der Text stellt in weiten Teilen das Transkript einer der Vorträge dar und ich habe ihn lediglich zwecks Lesbarkeit überarbeitet und mit Titeln versehen. Genau so wie sich die VUCA-Welt weiter bewegt, werde ich den Text anpassen und à jour halten.


Der VUCA Begriff umschreibt treffend unsere Welt, wie sie sich seit dem Fall der Mauer und dem Ende des kalten Krieges darstellt. Die Abkürzung kommt aus dem Englischen, wurde in den 90er Jahren am U.S. Army War College kreiert, und steht für „Volatility, Uncertainty, Complexity and Ambiguity“. Es geht mir im Folgenden darum, ein Modell zum Verständnis des VUCA Begriffs aufzuzeigen. Dieses soll helfen, aktuelle Ereignisse einzuordnen und die modernen Bedrohungen aufzuzeigen.

Die Bedrohung für die Schweiz im kalten Krieg war eine grosse rote Kugel mit goldenem Hammer und Sichel drauf, die langsam von Osten her aus dem Warschauer Pakt über Europa in Richtung Schweiz und Atlantik gerollt wäre. Über 600’000 Schweizer Soldaten waren fest entschlossen, diese Kugel ab der Grenze zu verlangsamen, abzunützen und sie schliesslich zu zerschlagen oder zu vernichten. Unsere Wehrhaftigkeit und Bereitschaft demonstrierten wir als Teil der Strategie der Dissuasion glaubwürdig der ganzen Welt und der Mythos entstand, dass die Schweiz keine Armee habe, sondern eine Armee sei.

Die grosse Kugel fiel zum Glück Mitte der 80er Jahre in sich zusammen. Damit fiel auch die Mauer und der bipolare Ost-West Konflikt endete. Wir erlebten in den 90er Jahren eine Zeit des Aufbruchs, der Entspannung, der Öffnung und der Freiheit. Eine Zeit in der wir glaubten, Demokratie und unsere Werte würden nun auf der ganzen Welt gelten. Wir bauten Grenzen ab und mit fehlender Empfindung einer Bedrohung auch die Armeen.

Die Geschichte der Neuzeit hat uns eine Welt voller Spannungen geschaffen. Wie Risse im Eis eines gefrorenen Sees, brechen diese Sollbruchstellen bei entsprechender Belastung und Bewegung auf und wir fallen, bildlich gesprochen, ins kalte Wasser. Es gibt aktuell eine Vielzahl solcher Bewegungen, Trends und Vorgänge. Ich werde diese im Folgenden zusammenfassen und auf vier reduzieren. Die Gemeinsamkeit dieser vier grossen Bewegungen ist, dass sie von globaler Bedeutung sind und irreversibel, d.h. nicht mehr Rückgängig gemacht werden können. Diese vier Bewegungen werde ich anschliessend an die „Risse“, die „Sollbruchstellen“, beschreiben.
Wenn wir uns die aktuelle Welt als Spielbrett vorstellen, mit einer aufgedruckten Weltkarte, dann können wir zur Vereinfachung Blöcke darauf einzeichnen. Die für das aktuelle Geschehen relevanten Blöcke sind die USA, Europa, die Staaten des mittleren Ostens und Nordafrika (MENA), Russland und China. Grosse Spannungen und Risse bestehen nicht nur zwischen diesen Blöcken, sondern jeweils auch im Inneren. Deshalb werden wir kurz auf jeden eingehen.

Die USA

Der Aufstieg der USA zur Gross- und Supermacht begann 1913 mit dem Eintritt in den ersten Weltkrieg. Zuvor aussenpolitisch ambitionslos und neutral, erkannte Präsident Wilson das Potential der USA und prägte die Idee einer neuen Weltordnung. Als grösster homogener Wirtschaftsraum der Welt begann anschliessend der rasante Aufstieg der Wirtschaftsmacht USA. Nach den „goldenen Zwanzigern“ stürzte sie in den dreissiger Jahren zwar in die grosse Depression, mit dem Aufbruch in den zweiten Weltkrieg und der neuen Weltordnung nach dem Krieg war der Aufstieg zur Supermacht jedoch nicht mehr aufzuhalten.
Noch in den 90er Jahren der Weltpolizist und Repräsentant einer demokratischen und freien Weltordnung, ist die Grossmacht heute daran, ihre Rolle neu zu definieren und zu finden. Nach einer achtjährigen Präsidentschaft der versuchten Konzilianz, einer differenzierten Aussenpolitik und zunehmender Staatsverschuldung ist der Wille der USA, Weltpolizist zu sein, deutlich zurückgegangen. Der Aufstieg des Islamischen Staates aus den Trümmern des Irakkrieges, das Unvermögen, den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad am Überschreiten der roten Linie zu hindern, sowie der schleichende Rückgang des Einflusses in Asien sind die Herausforderungen dieser Politik.
Konfrontiert mit zusätzlichen innenpolitischen und sozialen Herausforderungen, veralteter Infrastruktur, wieder steigender Kriminalität findet eine politische Polarisierung statt, welche Randfiguren eine Bühne bietet. Zwar noch immer der Motor der Weltwirtschaft, Heimat der innovativsten und grössten Konzerne der Welt, sieht sich die USA wirtschaftlich und militärisch mehr und mehr bedrängt von der Konkurrenz in Asien. Der technologische Vorsprung schrumpft, die Innovationskraft stagniert und der staatliche Handlungsspielraum zur Intervention nimmt angesichts strapazierter Budgets ab.

Europa

Noch unter den Eindrücken zweier verheerender Weltkriege entstand die Vision eines vereinigten Europas. Die stärkste Kraft zur Zusammenführung war die Wirtschaft. Aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft der 50er Jahre bildete sich die Europäische Gemeinschaft und schliesslich mit den Verträgen von Maastricht 1992 die Europäische Union. Die mittlerweile 28 EU Staaten bilden heute den grössten Wirtschaftsraum der Welt – gemessen am Bruttosozialprodukt. Die in den 90er Jahren fehlende äussere Bedrohung erlaubte den Fokus auf die Wirtschaft, als Gegenpol zu den USA und den wachsenden aufstrebenden Ländern, auch Emerging Markets oder BRICS Staaten (Abkürzung für Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) genannt. Der ebenfalls nach dem zweiten Weltkrieg beginnende Aufbau von Sozialsystemen wurde, im Glaube an eine wachsende Wirtschaft, immer mehr auf Basis von Schulden aufgebaut. Trotz zunehmender Überschuldung der einzelnen Mitgliedsstaaten erlaubte das politische System keine Abkehr mehr von diesem Weg und heute beträgt die durchschnittliche Staatsverschuldung im Euroraum über 80%. Nicht einmal Deutschland, als grösste Wirtschaftskraft und -motor in der EU, erfüllt mit über 70% die Anforderungen des Stabilitätspaktes einer Verschuldung von maximal 60%. Die Schulden führten schliesslich zur zunehmenden Handlungsunfähigkeit der regierenden Parteien, zum Vertrauensverlust der Bevölkerung und Abwanderung in neue politische Kräfte mit neuen Versprechungen. Gleichzeitig steigt durch mögliche fehlende Sozial- und Altersleistungen und die hohe Arbeitslosigkeit die soziale Angst. Auf der globalen Liste der Länder mit der höchsten Arbeitslosigkeit liegt die EU weit vorne mit einem Durchschnitt von über 10%. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit von über 50% in den südlichen EU Ländern birgt ein erhebliches Risikopotential. Was machen junge Menschen, die nach abgeschlossener Ausbildung arbeiten und konsumieren wollen, ohne Arbeit und somit auch ohne Lebensinhalt? Das Unvermögen der EU in der Bewältigung der Ströme der Asylsuchenden schürt weitere Ängste und polarisiert die Wähler. Eine Million Asylsuchende kamen 2015 nach Europa und der Strom reisst nicht ab. Die abgeschafft geglaubten innereuropäischen Grenzen wurden 2015 in Form von Zäunen zum Schutz vor den Asylsuchenden und entgegen dem Schengen-Dublin Abkommen wieder errichtet. Wie sollen ausgerechnet die ärmsten und am meisten verschuldeten Länder Europas deren Aussengrenzen schützen? Wie soll ein politisches Konstrukt ohne gemeinsame Aussenpolitik Einfluss auf die Stabilität der Nachbarländer nehmen können? Der Brexit kann bestenfalls als Zäsur verstanden werden, könnte aber auch der Beginn einer Entwicklung sein. Nach 70 Jahren Frieden und wirtschaftlicher Stabilität in Europa steht aktuell viel auf dem Spiel.

Mid-East und Nordafrika

Als sich im Dezember 2010 der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, nach Demütigung und willkürlicher Behandlung durch die Polizei, selber anzündete, ging das tunesische Volk auf die Strasse und protestierte. Während wir in Europa den ‚arabischen Frühling‘ zu Beginn als Demokratiebewegung, sogar als „Facebook Revolution“, begrüssten, sprechen wir zwischenzeitlich eher von „Arabellion“, der Rebellion der arabischen Völker. Heute wissen wir, dass die Proteste zwar durch Facebook koordiniert wurden, die Ursachen jedoch in den gestiegenen Lebenshaltungskosten, ungewisser Zukunft und der Unzufriedenheit mit den Machthabern lagen. Die Unruhen hörten nicht auf und wurden zum Flächenbrand in der ganzen Region, dem vor allem autoritäre Machthaber zum Opfer fielen. Längst vergessen geglaubte Spannungen traten wieder zutage. Die künstlichen Grenzen – dieses Jahr ist das hundertjährige Jubiläum der Sykes-Picot Linie – die Konflikte der drei grossen Religionen auf engstem Raum, der seit 1979 wieder aufgeflammte Streit zwischen Sunniten und Schiiten, sowie die unzähligen ethnischen Konflikte, dominant dabei auch die Frage eines kurdischen Staates. Bis auf Tunesien hat sich im Nachhinein gesehen die Situation in keinem Land verbessert. Die Folgen sind Islamismus, Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten, instabile Regierungen, Terrorismus und Krieg und wirken sich direkt bis nach Europa aus. Eine fehlende Europäische Sicherheitspolitik und damit verbunden das Unvermögen, Einfluss auf das Europäische Vorgelände zu nehmen sowie der fehlende Schutz der Aussengrenzen machen die EU verletzlich. Die USA zeigten zu Beginn wenig Bereitschaft, stabilisierend einzugreifen. Einerseits weil sich deren Fokus auf den Pazifik verlagerte, andererseits wegen der hohen Komplexität. Alleine im Raum Türkei – Syrien – Irak machte der amerikanische Geheimdienst über 1500 Gruppierungen aus. Das mag mitunter erklären, warum die USA  in Syrien nur zögerlich intervenierten. Die von Präsident Obama gezogene „red line“, er meinte damit den Einsatz von Giftgas durch das Regime von Bashar al-Assad gegen seine eigene Bevölkerung, wurde 2012 deutlich überschritten, als dieser 1’400 Bewohner mit Sarin tötete. Warum in einen Konflikt eingreifen, den man nicht gewinnen kann? Auf einem Kontinent, der vermeintlich an strategischer Bedeutung verliert? Die MENA Region wird zum Herd für globale Krisen. Sei dies der Konflikt zwischen Israel, den Palästinensern und Hisbollah. Sei dies die Türkei, die vordergründig den IS schlägt, damit aber die Kurden meint. Dazu kommt der Iran der durch die Unterstützung der Schiiten die ganze Region destabilisiert. Sein regionaler Gegner Saudiarabien, welches als religiöse Basis des Wahabismus und der Salafisten dient, und schliesslich Russland, das sich mit dem Syrien Einsatz wieder einen Platz auf der Weltbühne ergattert hat und uns eindrücklich die militärische Kompetenz und Schlagkraft vorführt. Wer hätte noch zu Beginn dieses Jahres geahnt, dass ein Flugzeug eines NATO-Staates ein russisches Flugzeug abschiessen wird?
Der Ursprung des islamischen Staates geht direkt auf die Invasion des Iraks durch die von den USA geführten Koalition im Jahr 2003 zurück. Der damalige Sunnitische Widerstand schloss sich der al-Qaida an und bildete ab 2013 eine eigene Organisation im Irak. Nach dem Zusammenschluss mit syrischen Rebellen rief Abu Bakr al-Baghdadi schliesslich 2014 ein Kalifat aus. Rund 3’000 europäische Muslime, darunter 70 Schweizer sind in den Jihad, den heiligen Krieg, für das Kalifat gezogen. Die Dschihadisten bekämpfen uns „Ungläubige“ nicht für das, was wir tun, sondern für das was wir sind. Damit kann es uns alle treffen, auch in der Schweiz. Weil es aus der Sicht des Kalifates kein Terror sondern ein Krieg ist, mit dem Ziel, alle in der Geschichte einmal islamisch gewesenen Länder zusammenzuführen, erstreckt sich dieser Krieg von Europa, über die ganze MENA bis nach Afghanistan und Südostasien.
Der Teufelskreis aus Armut, Unzufriedenheit, Radikalisierung, Gewalt ist kaum zu durchbrechen. Der Rückschritt der Wahabisten und Salafisten in eine einfache Welt, wie sie zu Lebzeiten des Propheten Mohamed vor 1400 Jahren noch war, führt zu einer Ablehnung von Fortschritt, Technologie und allem „Modernen“, was die wirtschaftliche Entwicklung und das Wachstum in der Region verhindert. Frauen und Andersgläubige werden bewusst nicht in den Arbeitsprozess integriert. Die Religiosität macht das Elend vordergründig erträglicher. Die Nähe der Religion zum Staat im Islam macht die Verbitterung zur politischen Agenda und im Islamischen Staat und der al-Qaida rotten sich die vermeintlichen Verlierer zusammen, um eine Stimme zu erhalten. Einfache Muster wie, hier arme Muslime – dort im Westen reiche Christen, werden bewusst zur Mobilisierung der Massen eingesetzt. Die modernen Medien, gemeint sind Internet und Social Media, beherrscht der Islamische Staat für seine Propaganda jedoch perfekt.

Russland

Putin selber bezeichnete den Zerfall der Sowjetunion als die „grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Geschickt nutzt er die Unentschlossenheit und mangelnde Geschlossenheit des Westens aus. Dies zeigt sich eindrücklich bei den Einsätzen in Syrien. Was vordergründig „Kampf gegen den Terror“ genannt wird, ist in Tat und Wahrheit der Kampf gegen die Gegner des Regimes von Bashar al-Assad, einem alten Verbündeten aus der Sowjet-Zeit. Das Ziel ist der Erhalt der Basis im Nahen Osten als Teil einer alten und neuen Grossmachtpolitik. Der Abschuss von 26 Mittelstreckenraketen, aus internationalen Gewässern im kaspischen Meer, auf 11 Ziele in 1500 Kilometer Distanz geschah nicht der Waffenwirkung wegen, sondern um dem Westen diese Fähigkeit zu demonstrieren. Russland kann damit jedes Ziel in Europa treffen. Das unerwartete Vorgehen Russlands auf der Krim und in der Ukraine, niemand hat diese Entwicklung Anfang 2014 vorausgesehen, hat schliesslich auch die Bedeutung der NATO wiederum erhöht. Noch vor zehn Jahren in einer Identitätskrise, steht sie heute mit je einem Bataillon in den Baltischen Staaten und Polen um als „Stolperdraht“ einen eventuellen Angriff Russlands abzuwehren. Die Besetzung der Krim und damit die Durchsetzung der geopolitischen Interessen Russlands wurde durch die Anwendung der „Gerasimov Doktrin“, einer Form der hybriden Kriegsführung, ermöglicht. Diese Doktrin, benannt nach ihrem Erfinder, dem russischen Generalstabschef, beschreibt die Erreichung von militärischen Zielen ohne Anwendung konventioneller Streitkräfte, respektive diese erst als letztes Mittel einzusetzen. Beginnend mit Informationsoperationen, Propaganda, Cyber-Angriffen auf kritische Infrastruktur folgt schliesslich der Einsatz bewaffneter Spezialeinheiten, meistens unter dem Vorwand, eigene Minderheiten auf fremdem Territorium zu schützen. Die konventionellen Streitkräfte werden grenznah bereitgestellt und dienen als zusätzliche Drohkulisse oder als letztes Eingreifmittel.
Russland ist nicht nur im Cyberspace und mit Informationsoperationen aktiv, sondern ebenso in der illegalen Nachrichtenbeschaffung. Der schwedische Geheimdienst Säpo hat Russland vorgeworfen, bis zu einem Drittel seiner diplomatischen Mitarbeiter in dem skandinavischen Land für das heimliche Sammeln von Geheimdienstinformationen zu benutzen. Aber auch Wirtschaftsspionage gehört zum Programm. Russlands Wirtschaft ist nicht nur durch den tiefen Ölpreis in Bedrängnis sondern auch durch die Sanktionen des Westens. Die arbeitende und demographisch alternde Bevölkerung ist nicht einmal halb so gross wie die der USA. Somit wird es schwierig, die Rüstungsausgaben von 4.2% des Bruttosozialproduktes weiter zu bezahlen. Rund die Hälfte der Staatsreserven sind aufgebraucht. Dennoch wird Putin weiterhin aktiv versuchen, sein Volk zu einen und wieder zu „alter Stärke“ zu führen. Auch und vor allem mit militärischen Mitteln.

China

China hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch stetig hohes Wachstum zur zweitgrössten Wirtschaftsmacht entwickelt. Mit einer rund viermal so grossen Bevölkerung wie die der USA ist das Bruttosozialprodukt pro Kopf zwar immer noch viel kleiner, dennoch gibt es heute sozusagen keine Armut mehr in China. Eine Mittelschicht von rund 800 Mio Menschen kann reisen, konsumieren und sparen. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Chinesen pro Jahr rund 700 Millionen Schweine konsumieren. Schweinefleisch ist ein Zeichen des Wohlstands geworden und wird bevorzugt bei Festivitäten serviert. Um ihre Bürger zufrieden zu stellen, muss bei der Zucht mit Antibiotika und mittels globalen Verträgen zur Lieferung von Soja, die Versorgung sichergestellt werden. Das macht die Soja-Bauern in Südamerika und den USA reich, erhöht aber gleichzeitig Antibiotikaresistenz von Bakterien. Obwohl nur die zweitgrösste Wirtschaftsmacht weltweit, ist China in Asien dominant. China baut permanent seine Vormachtstellung aus, oft subtil mit wirtschaftlichen und politischen Mitteln, manchmal auch direkt und konfrontativ, wie in Falle seines Anspruches auf die Spratly und Paracelsus Inselgruppen im Südchinesischen Meer. Das Südchinesische Meer ist eigentlich nicht nur das „südchinesische“ Meer, sondern noch viel mehr das ost-vietnamesische und west-philippinische Meer. Letztgenannte Länder sind viel näher bei den Spratly Islands, oder besser gesagt, bei den Spratly Reefs und haben genau so alte Ansprüche darauf. Die Chinesen haben in den letzten zwei Jahren in Rekordgeschwindigkeit Sand aufgeschüttet, Flugpisten von bis zu 3000m Länge, Radaranlagen und Truppengebäude gebaut. Seither machen sie  die Sicherheitszone von 12 Seemeilen um diese Inseln geltend. Das ist insofern besonders beunruhigend, als dass China in absoluten Zahlen die weltweit dritthöchsten Ausgaben für Rüstung tätigt. Während die Chinesen sich in der Vergangenheit strategisch auf die Verteidigung fokussierten, begannen sie vor wenigen Jahren mit der Erarbeitung der Fähigkeit zur Verlegung grösserer Truppenkontingente. An der asiatischen Sicherheitskonferenz von 2016, dem Shangri-la Dialog, sprach der Westen bezüglich dem Konflikt im Südchinesischen Meer von Kooperation und China von Konfrontation.

Die Globalisierung – Wirtschaftliche Verbindung der Blöcke

Diese Blöcke können nicht isoliert betrachtet werden, sondern stehen in mannigfaltiger Wechselwirkung, hauptsächlich im Finanz- und wirtschaftlichen Bereich. Zur Bewältigung der Finanzkrise im Jahr 2008 mussten die Zentralbanken, allen voran die amerikanische Notenbank, Liquidität in die Märkte pumpen, um die Unternehmungen mit Krediten zu versorgen. Das billige Geld führte zu einem einmaligen Hoch an den Finanzmärkten und die tiefen Zinsen, neuerdings sogar Negativzinsen, erlaubten sowohl Ländern als auch Firmen, billiges Geld aufzunehmen. Da diese Massnahmen noch nie in diesem Umfang angewendet wurden, fehlen Modelle und Erfahrungen, wie wieder auf ein normales Zinsniveau zurückgefahren werden soll, ohne die Märkte nun umgekehrt negativ zu beeinflussen. Die Globalisierung erlaubt keinem Land mehr, eine unabhängige eigene Geldpolitik zu fahren und so haben zum Beispiel die Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums in China negativen Auswirkungen auf alle Märkte weltweit.

Die vier grossen Bewegungen

Bevor ich die vier grossen Bewegungen beschreibe, fasse ich die oben aufgeführten Spannungen im „Spielbrett“ noch einmal zusammen:
  • Die USA, die sich vom Atlantik in den Pazifik als neue strategische Herausforderung orientierte, sich jedoch im eigenen Land immer schwerer tut, Unterstützung und Ressourcen für die Rolle als „Weltpolizist“ zu finden.
  • Die EU mit zahlreichen internen Herausforderungen wie Staatsüberschuldung, Arbeitslosigkeit, politischem Rechtsrutsch und zunehmenden Schwierigkeiten, die EU Verträge durchzusetzen, ganz abgesehen davon eine gemeinsame Sicherheits- und Aussenpolitik zu verfolgen.
  • Der Nahe Osten und Nordafrika (MENA) mit einem Flickenteppich von Ethnien, Religionen, Nationalitäten und Stämmen und fehlender wirtschaftlicher und politischer Zukunft.
  • Russland, das wieder die alte Stärke und Grossmachtstellung sucht, auch mit militärischen Mitteln.
  • China, das sowohl subtil wirtschaftlich als zwischenzeitlich auch offen und konfrontativ Schritt für Schritt seine neuen Grossmachtansprüche in Asien und der Welt geltend macht.
Während wir uns bereits bei den oben beschriebenen Spannungen manchmal wünschen, dass diese eben nicht aufbrechen mögen, wirken vier starke Kräfte auf dem Spielbrett. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie lassen sich nicht mehr aufhalten.
  1. Die Urbanisierung mit der Verschiebung des wirtschaftlichen Zentrums nach Asien, Im Zentrum des Spielfeldes liegt heute der Pazifik, nicht mehr Europa. Dieses hat an Bedeutung verloren und sieht sich in die Ecke gedrängt.
  2. Die Demographie mit einer immer älter werdenden Gesellschaft und
  3. Die vierte industrielle Revolution, auch Digitalisierung genannt, welche unsere Arbeitswelt so einschneidend wie noch selten in der Geschichte verändern wird,
  4. Die Klimaveränderung welche durch Naturereignisse zunehmend Schäden verursacht, Ernten vernichtet und dadurch Menschen die Lebensgrundlagen entzieht.
Die globale Vernetzung der Wirtschaft, des Handels, der Energie, sowie der sozialen Medien führt zu einer zusätzlichen Beschleunigung und Dynamisierung dieser Kräfte auf dem Spielfeld.

Urbanisierung und Verschiebung der Wirtschaft nach Asien

Bereits heute leben über 50% der Menschen in Städten. Und jedes Jahr kommen rund 80 Millionen dazu. Das sind zehn Mal mehr Menschen als in der Schweiz leben. Grossstädte erlauben eine effizientere Nutzung von Ressourcen und damit schnelleres Wachstum. Vielleicht wird in Zukunft das Wachstum nicht mehr nach Ländern gemessen, sondern Städten. Von den heute rund 300 Millionenstädten auf der Welt befinden sich rund zwei Drittel in Asien. Shanghai4-12 001 Dasselbe gilt für die Megacities, also Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Wenn man um Singapur einen Kreis von 4’000 Kilometern Radius zieht, lebt darin mehr als die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten. Wäre es ein geschlossener Wirtschaftsraum, wäre es der grösste auf der Welt. Der wirtschaftliche Mittelpunkt der Erde liegt heute wieder in Asien. Das war schon im Jahr 1 nach Christus so und brauchte dann 1950 Jahre, um über das British Commonwealth vor die Atlantikküste der USA zu wandern. In nur 70 Jahren sprang dieser wirtschaftliche Mittelpunkt wieder zurück nach Asien. Ich erinnere mich noch, als mir mein Grossvater als kleiner Junge sagte, dass die Chinesen einmal diesen Planeten dominieren würden und ich deshalb chinesisch lernen solle. Ich stellte mir dabei vor, wie in Zürich die Stadt voller Chinesen sein wird. Das ist eben genau nicht so. Asien braucht uns nicht mehr. Wenn Sie heute in China ein Auto oder Smartphone erfinden, haben Sie einen homogenen Markt mit 1.3 Milliarden Menschen. Warum sollten Sie dann mit diesem Produkt nach Europa kommen. Oder in die Schweiz mit 8 Millionen Menschen? Oder seit wann kennen Sie Xiaomi? Einer der fünf grössten Handyhersteller der Welt? Er verkauft etwa 20 Millionen Geräte pro Jahr. Oder die Shanghai Automotive Industry Corporation, SAIC Motor, mit 4.5 Millionen verkauften Wagen pro Jahr? Das ist etwa die Hälfte des grössten Automobilherstellers der Welt, Toyota. Noch vor zehn Jahren haben wir die Chinesen ausgelacht. Sie kauften Europäische Wagen, nahmen sie auseinander, kopierten die Teile und bauten sie wieder zusammen. Das konnte natürlich nicht funktionieren. Heute kaufen die Chinesen unsere Fabriken, Prozesse und Expertise und bauen eigene Autos und Produkte. Wenn wir in der globalen Wirtschaft bestehen wollen, dürfen wir nicht warten, bis die Asiaten zu uns kommen. Wir müssen mit unseren Produkten zu ihnen gehen. Auf dieser neuen Weltkarte wird der Pazifik in der Mitte und Europa ganz oben links am Rand stehen. Ein überschuldetes Europa ohne Innovationskraft wird es in dieser neuen Welt wirtschaftlich immer schwerer haben. Schliesslich ist es bei Staaten wie bei Unternehmungen. Die Kurve rückgängiger Einnahmen darf die Kurve steigender Ausgaben nie berühren.

Demographie

Die Menschen werden immer älter. 50% der Menschen, die je 80 oder älter wurden, leben heute noch. Wenn heute ein Mann drei Töchter zur Welt bringt, wird beinahe mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit mindestens eine davon 100 Jahre oder älter. Wer in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurde, also ein „Millennial“ oder „Generation Y“ Mensch, hat gute Chancen in drei Jahrhunderten gelebt zu haben. Die Anzahl Menschen über 100, sogenannte Centenarians, verdoppelt sich alle acht Jahre. Letztes Jahr wurden in der Schweiz zum ersten Mal mehr Menschen pensioniert, als in den Arbeitsprozess eintraten. Während die höhere Lebenserwartung ein gesundes Zeichen für unsere Gesellschaft ist, müssen immer weniger Menschen die Arbeit für immer mehr leisten. Die Schweiz hat in Europa mit 83 Jahren die zweithöchste Lebenserwartung und dabei mit 65 das tiefste Rentenalter. Dabei müsste man aus Sicht der AHV schon eher über ein Rentenalter von 70 Jahren nachdenken. Die Erkenntnis ist nicht neu, weil Demographie eine relativ exakte Wissenschaft ist. So hat bereits Bundesrat Hürlimann in den 70er Jahren die Situation erkannt und angesprochen. Weil er im Nationalrat forderte, jeder Schweizer müsse drei Kinder haben, um die Renten zu sichern, nannte ihn der Blick schliesslich ‚Drülimann’. Die Geburtenrate in den entwickelten Ländern geht immer mehr zurück und bleibt stabil auf tiefem Niveau. Die immer höheren Sozialausgaben für Renten werden immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter erarbeiten müssen. Vom tendenziell kleiner werdenden Wirtschaftskuchen wird zusätzlich ein immer grösserer Teil für Sozialausgaben weggefressen. Zusätzlich erschwerend für den Westen ist, dass die Menschen in den aufstrebenden Ländern durchschnittlich jünger sind. Vereinfacht gesagt, sind die Menschen in Europa und den USA durchschnittlich etwa 50, die Asiaten 40 und die Menschen in Afrika 30 Jahre alt. Selbstverständlich wird die Demographie auch für China und Indien früher oder später dieselbe Herausforderung darstellen. Aber zehn bis 20 Jahre verzögert. Zusammengefasst wird die Demographie unsere Wirtschaft schrumpfen lassen, mehr Mittel für die Betreuung alter Menschen binden und den aufstrebenden Ländern mittelfristig einen Wachstumsvorteil verschaffen. Damit werden die Staatseinnahmen abnehmen und die Sozialausgaben zunehmen, womit weniger Mittel für Bildung und Sicherheit zur Verfügung stehen. So wird es den NATO Staaten immer schwerer fallen, die vorgeschriebenen 2% des Bruttosozialprodukts für Verteidigung auszugeben.

Digitalisierung oder die „vierte industrielle Revolution“

Einer der grossen Veränderungen unserer Zeit ist die sogenannte vierte industrielle Revolution, oder einfacher gesagt, die Digitalisierung. Sie hat bereits begonnen und auch wenn wir es uns manchmal wünschen würden, sie lässt sich nicht mehr aufhalten. Bis in zehn Jahren wird es den ersten Computer für 1000 Dollar mit der Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns geben. Bis in 30 Jahren einen mit der Leistungsfähigkeit der ganzen Menschheit. Auch wenn sich das Moorsche Gesetz verlangsamt, werden wir immer schnellere und vor allem spezialisiertere Prozessoren sehen. Es ist möglich, dass mehr Menschen auf der Welt ein Smartphone besitzen als eine Zahnbürste. Facebook wäre mit 1.6 Milliarden Menschen das grösste „Land“ der Welt. Gemäss einer Statistik schauen wir pro Tag 150 Mal auf unser Smartphone. Jugendliche in den USA schauen 24 Stunden pro Woche auf das Gerät. Die Digitalisierung wird unsere Berufswelt nachhaltig umgestalten. Gemäss einer Studie wird sie bis in 15 Jahren 47% der Berufe verändern – oder komplett unnötig machen. Das heisst auch, dass wenn unsere drei Töchter aus dem vorigen Beispiel heute zur Schule gingen, sie in eine komplett veränderte Berufswelt entlassen werden. Sie darauf vorzubereiten, ist für die Schweiz eine überlebenswichtige Aufgabe, sind doch Wissen, Innovation und Erfahrung unsere einzigen Ressourcen. Die Digitalisierung reduziert Eintrittsschwellen und schafft unbegrenzte globale Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle. Alibaba, ein chinesischer Onlinehändler, verdoppelt sein Volumen in der Schweiz alle drei Monate. Der Versand ist in der Regel gratis.

Selbstfahrende Autos werden, trotz einigen Rückschlägen, schon in wenigen Jahren das Strassenbild dominieren. Vielleicht ist die Vorstellung vom heutigen Individualverkehr dafür nicht ganz korrekt, würden diese Autos eher in Clustern fahren, gruppiert nach Destinationen. Ein selbstfahrendes Auto bräuchte man nicht mehr zu besitzen sondern könnte es nach Bedarf mit dem Smartphone bestellen und der Fahrpreis würde automatisch abgezogen. Singapur hat ausgerechnet, dass 300’000 selbstfahrende Autos für eine Bevölkerung von 6.5 Millionen Menschen ausreichen würden – heute fahren bereits zwei Millionen Autos im Stadtstaat auf der kleinen Insel. Die Einsparung von Parkplätzen führt zu besserer Ausnutzung der Städte, mehr Grünzonen und Lebensqualität. Ohne selbstfahrende Autos würde sich die Anzahl Autos bis 2030 verdoppeln. Nicht nur Technologie und Automobilkonzerne arbeiten an dieser Entwicklung, auch Schweizer Firmen wie Swisscom und die SBB. Die ETH in Zürich ist führend im Bereich dieser Forschung. Nebst dem Verschwinden des Berufs des Taxifahrers würde das Auto bei einem selbstdiagnostizierten Defekt wohl auch in eine Garage fahren, in dem kein Mechaniker mit schmutzigen Händen wartet, sondern ein Roboterarm das defekte Teil gleich auswechselt. Ein Roboterarm, der bereits heute für 32’000 Dollar erhältlich ist und in einem Fertigungsbetrieb einen Arbeiter ersetzen kann und dies 24h pro Tag und 7 Tage die Woche.
3D Drucker werden die Fabrikation und Ausgestaltung von Produkten massiv verändern. Vielleicht werden wir schon bald Gebrauchsgegenstände bei uns Zuhause mittels Drucker selber produzieren. In China und Dubai wurden bereits Häuser mit Hilfe von riesigen 3D Druckern hergestellt.
Ich habe kürzlich mit einem Soldaten unserer Brigade gesprochen, der Robotik studiert. Das Projekt, an dem diese Hochschule arbeitet, ist eine vollautomatisierte Schreinerei. Die gefällten Bäume werden auf der einen Seite hineingeschoben und auf der anderen Seite kommen mit CAD designte Werkstücke heraus, ohne menschliches Zutun, mit einem Minimum an Holzabfall und das in höchster Präzision.
Wenn in einem Verkaufsprozess der Point-of-Sale digital ist und der Einkauf durch Vernetzung mit dem Lieferanten ebenso, ist auch der Prozess dazwischen digital. Wofür wird es dann noch einen Buchhalter brauchen?
Man mag es als Vorteil betrachten, dass die Digitalisierung einen Teil des demographischen Rückgangs der Arbeitskräfte in den entwickelten Wirtschaften auffängt. Man mag die Veränderung ablehnen oder annehmen, man mag bestreiten, dass sich 50% der Berufe verändern werden. Eines ist aber sicher: Die Veränderung hat schon begonnen.
Online-Kriminalität ist kein Randphänomen mehr. Beim Bundesnachrichtendienst wird geschätzt, dass 2009 der Gewinn aus den Manipulationen von Bankdaten und dem systematischen Diebstahl und Verkauf von Daten erstmals die Profite aus dem weltweiten Drogenhandel übertraf. Bei allem Nutzen und Lösungen, welche uns die fortschreitende Technologie bringt, werden wir immer abhängiger vom Internet. Könnte ein Hacker das Internet sabotieren – es gibt Spezialisten, die das für möglich halten – stünde unsere Welt still. Gleichzeitig würde es auch bald dunkel, da die Stromwirtschaft Angebot und Nachfrage über das Internet steuert. Laut einem Bericht des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz wird alle 30 bis 100 Jahre eine elektrische Unterdeckung um etwa 30 Prozent erwartet. Das erwartete Schadenspotential im Falle dieses Ereignisses wird auf 100 Milliarden geschätzt.

Der Klimawandel

Von diesen vier Bewegungen bereitet mir die Klimaveränderung die grössten Sorgen. Weil sie irreversibel und von globaler Auswirkung ist und noch Generationen nach uns beschäftigen wird. Barack Obama hat letztes Jahr folgendes Zitat verwendet: „Wir sind die erste Generation, die die Folgen der Klimaveränderung spürt und die letzte, die sie noch ändern kann.“ Was haben der März 2016, der Juli 2015 sowie das gesamte Jahr 2015 miteinander gemeinsam? Es sind Wärme-Rekord-Perioden. 15 von 16 Jahren in diesem Jahrhundert waren Rekordjahre. Die Atmosphäre ist aktuell durchschnittlich um 0.9° wärmer als in den letzten Jahrzehnten. Warme Luft hat mehr Energie und trägt mehr Wasser. Während sich am Äquatorgürtel Dürre ausbreitet, haben andere Breitengrade Rekordniederschläge und Überschwemmungen. Gemäss dem Fischer Weltalmanach haben sich seit den 80er Jahren die Umweltereignisse verdreifacht und die Schäden versechsfacht. Letzteres eine Konsequenz aus der zunehmenden Verletzlichkeit und Abhängigkeit von Technologie und Infrastruktur. Auch wenn wir es kaum bewusst wahrnehmen, kommen wöchentlich neue Nachrichten über Wetterrekorde und Phänomene zu uns: Rekordhitze in Indien mit 51°; Überschwemmungen auf Sri Lanka, welche 40’000 Menschen vertreiben; Tornados und Überschwemmungen in China; Dürre und Hungersnot in Äthiopien; Dürre in Kalifornien, welche 29 Millionen Bäume vernichtete und eine zunehmende Wassernot hervorbrachte. Die Dürre im Nahost schafft es nicht einmal in die Schlagzeilen der Zeitungen. Gemäss einem Bericht der NASA herrscht dort seit knapp zwanzig Jahren die schlimmste Dürre der letzten 900 Jahre. Um den Link zur früher erwähnten „Arabellion“ zu schlagen – auch gemäss einem NASA Bericht kamen im Sommer davor extreme klimatische Bedingungen zusammen, welche das labile Gleichgewicht des nahen Ostens kippen liessen. Es war eine Jahrhundertdürre in China, kombiniert mit Steppenbränden in der Ukraine und Russland, kombiniert mit Überschwemmungen in Kanada und Australien, was die Preise für den Weizen verdoppelten. Das traf den nahen Osten besonders hart, wo neuen der zehn grössten Importeure von Getreide sind. So wirkten alle Kräfte zusammen und trieben die Menschen auf die Strasse.

Der klimabedingte Rückgang des Eises in der Arktis schafft nicht nur neue Möglichkeiten der Erschliessung der dort vermuteten Ressourcen und Handelsrouten, sondern gleichzeitig auch neue Spannungen. Die fünf Anrainerstaaten Norwegen, Dänemark, Russland, USA und Kanada machen bereits Ansprüche auf die Erschliessung geltend.

Vernetzung durch Migration und Reisen

Im Jahr 2015 sind 1.2 Milliarden Menschen ins Ausland gereist. 60 Millionen Menschen sind irgendwo auf der Flucht. Südlich der Sahara sitzen 8 Millionen Menschen auf gepackten Koffern, bereit zu gehen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Über 40’000 machen sich jeden Tag auf den Weg auf der Suche nach Frieden, Sicherheit und einem neuen Leben. Schwierig zu entscheiden, ob ein Asylsuchender ein Wirtschaftsflüchtling ist, wenn er seine Familie nicht mehr ernähren kann.250 Millionen Menschen sind Migranten, das heisst, sie leben und arbeiten nicht dort, wo sie Bürger sind. Das sind zusammen mit den Flüchtlingen über 300 Millionen, als die Bevölkerung der USA. Und bis 2020 sollen es 10% der Menschheit sein, die irgendwo anders leben und arbeiten.

Risiken in der VUCA-Welt

Bei allen Chancen und positiven Entwicklungen der letzten Jahre haben in der VUCA-Welt die Risiken zugenommen. Die nachfolgende Liste von Risiken sind Erkenntnisse aus den vorgängigen Beschreibung der Spannungen, Bewegungen und Beschleuniger auf der aktuellen Weltkarte. Die Risiken sind weder nach Wahrscheinlichkeit noch Tragweite beurteilt, denn in einer VUCA Welt zählt das Potential, nicht die Wahrscheinlichkeit:
  • Die neue Weltordnung führt vermehrt zu bewaffneten Stellvertreter- und direkten Konflikten zwischen der Supermacht USA und den aufstrebenden Grossmächten Russland und China.
  • Der gewalttätige Islamismus, in Form des sogenannten islamischen Staates oder anderer terroristischen Organisationen, greift weiter um sich und befällt Länder wie die Türkei oder die grossen islamischen Nationen in Südostasien.
  • Der Krieg der islamistischen Terroristen gegen die „Ungläubigen“ kann uns in Form von Terroranschlägen jederzeit und überall treffen.
  • Durch die Klimaveränderung kann unser Planet seine Bewohner nicht mehr ernähren und treibt immer mehr Menschen in die Migration.
  • Die durch die Klimaveränderung verursachten Wetterphänomene führen zu zunehmenden Schäden wie Überflutung durch Anstieg der Meeresspiegel, Überschwemmungen durch Niederschläge, Erdrutschen, Bränden etc.
  • Der Kampf um knapper werdende natürliche Ressourcen wie Fisch, Wasser, Sand, Öl und seltene Metalle führt zu bewaffneten Konflikten.
  • Antibiotikaresistenz führt durch die Verbreitung von alten und neuen Erregern zu Epidemien, welche sich durch die zunehmende Dichte und Mobilität der Menschen rasch verbreiten und zu Pandemien werden.
  • Wirtschaftlicher Stagnation und Rezession in den entwickelten Ländern führen zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung und Regierungswechsel durch Polarisierung.
  • Die Staaten können durch zunehmende Verschuldung die Sozial- und Sicherheitsaufgaben nicht mehr wahrnehmen. Politische Zentrifugalkräfte lassen bestehende politische Strukturen auseinanderbrechen und führen zur Radikalisierung.
  • Die Schere zwischen „Blue und White Collar Workers“ geht durch die Digitalisierung weiter auseinander und führt zu einer Zweiklassengesellschaft und damit verbundenen Unruhen.
  • Die zunehmende Digitalisierung macht uns abhängig und anfällig für Störungen und Sabotage. Stromausfälle können unsere Gesellschaft am empfindlichsten Treffen.
  • Illegale Nachrichtenbeschaffung und Spionage werden zunehmen. Dies nicht nur im militärischen Kontext sondern vermehrt auch in der Wirtschaft mit der Absicht des Handels mit Wissen, Patenten und Daten.
  • Radikale Gruppierungen globalisieren den Terror und setzen neue Waffen ein. Darunter auch Cyberangriffe, Atomare, Biologische oder Chemische Waffen.
  • Bewusste Propaganda und Fehlinformation im Internet wird zur Meinungsbildung und Ablenkung eingesetzt. Das sogenannten Troll Haus in St. Petersburg gehört genauso dazu wie die Propagandaaktionen des IS auf dem Internet.

Im Vergleich zu dieser einen, grossen, roten Kugel im kalten Krieg bedrohen uns heute viele kleine Kugeln in einer zunehmend multipolaren Welt mit vielen Akteuren. Viele dieser Kugeln rollen nicht mehr, sondern sie fliegen oder bewegen sich im Cyberspace. Die Kugeln sind schneller, dynamischer, energiereicher geworden und interagieren miteinander. 

Dazu kommen auch immer wieder neue Kugeln. Wer hat zu Beginn des Jahres 2014 vorausgesagt, dass Russland die Krim anektiert und in der Ukraine einmarschiert? Wer hat diese widerliche schwarze Kugel kommen sehen, die nach Ausrufung eines Kalifats durch Terroristen uns mehrfach in Europa getroffen hat? Selbst wenn der Hammer der westlichen Koalition auf diese schwarze Kugel niedergeht, werden Splitter fliegen. Diese treffen uns in Form der rückkehrender Jihad-Kämpfer.
Wir wissen durch die Dynamik nicht wann sie uns treffen und ob wir eine Vorwarnzeit haben werden. Terroristen bestimmen Ort und Zeit und nutzen den Überraschungseffekt. Erdbeben, Erdrutsche, Überschwemmungen künden sich nicht an.

Ich danke Ramona Schwab für das Transkript, Gfr Fornay für die Quellenlinks und Maj i Gst Frey für das Korrekturlesen.