Die Armee ist die einzige praktische Schule für Leadership

Gespannt riss Mägert den Briefumschlag auf. Er entnahm die Hochglanzbroschüre und las den Text ‚Leadership Development Program‘ auf der Vorderseite. Ah, er erinnerte sich. Anlässlich seines letzten Zielvereinbarungsgespräches mit seinem Chef informierte ihn dieser über die Anmeldung. Mägert begann das Programm des Kurses zu lesen und spürte ein flaues Gefühl im Magen. Da waren Themen wie Selbstkenntnis, Kommunikation, Konfliktmanagement, individuelle Führungsstile. Er mochte diese ‚Gschpürschmi‘ Kurse, wie er sie gegenüber seinen Kollegen manchmal spöttisch nannte, überhaupt nicht. Mägert war seit vier Monaten Abteilungsleiter und verantwortlich für insgesamt 32 Mitarbeiter in fünf Teams. Er war einer der besten Techniker der Firma und als sein vormaliger Chef kündete, übertrug man ihm die Führung der Abteilung. Dies, obwohl Mägert keine Führungsausbildung und -erfahrung hatte. Während er sich inhaltlich gut einbringen konnte, tat er sich sehr schwer mit der Menschenführung. Er hatte bereits fünf Kündigungen und Abgänge zu beklagen.

Insgeheim bewunderte Mägert seinen Kollegen Lehner. Dieser war bereits seit zwei Jahren Leiter einer grösseren Abteilung. Lehner war Hauptmann in der Armee und schien von da viel Erfahrung in der Führung mitzubringen. Mägert ging morgens schnurstracks in sein Einzelbüro, wo er am liebsten den ganzen Tag über blieb. Lehner hingegen hatte seinen Arbeitsplatz inmitten seiner Mitarbeiter im Grossraumbüro. Da gab es eine grosse Wand mit Informationen für seine Mitarbeiter, dem gemeinsamen Ziel sowie den konkreten Plänen für die Umsetzung. Lehner schien jeden seiner Leute persönlich zu kennen und wusste über deren private Situation Bescheid. Während Mägert bei allen Kundengesprächen dabei sein wollte um sicherzugehen, dass nichts falsch gemacht wurde, schien Lehner seinen Mitarbeitern zu vertrauen. Der Teamgeist in Lehner’s Abteilung war so ansteckend, dass die Leute gerne die Extrameile gingen, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen.

Mägert und Lehner sind hier bewusst etwas überspitzt dargestellt. Mägert ist eher der Manager während Lehner sich zum Leader weiterentwickelt hat.
Wahrscheinlich ging es den meisten von uns auch schon wie Mägert und wir hatten ein flaues Gefühl vor einem Kurs mit Rollenspielen, Videoaufnahmen von eigenen Präsentationen, Persönlichkeitstests etc. Am Ende des Kurses haben wir dann viele interessante Einsichten gehabt, etwas über uns gelernt und gute Vorsätze gefasst, was wir im Alltag alles umsetzen würden. Vielleicht wurden wir vom Kursleiter sogar gebeten, für diese Änderungen einen verbindlichen Vertrag mit uns selber abzuschliessen. Dies wohlwissend, dass der Transfer in die Praxis schwierig ist. Und Hand auf’s Herz. Nach dem Kurs versuchten wir die neuen Fähigkeiten einzusetzen, fielen nach ein paar Wochen oder gar Tagen dann aber wieder in unser altes Verhalten zurück.

Leadership lässt sich nur sehr schwer aus Büchern oder in Kursen lernen, denn Leadership basiert auf Erfahrung. Erfahrung im Umgang mit Menschen und sich selber. Die Armee vermittelt jungen Kadern durch anerkannte Führungsausbildung nach zivilen Standards zuerst die theoretischen Grundlagen, ermöglicht anschliessend über mehrere Wochen und Monate die Anwendung in einem anspruchsvollen Führungsumfeld. Jeden Tag müssen Unterstellte motiviert und geführt werden. Teilweise unter erschwerten Bedingungen wie Nachtarbeit, auf Märschen oder beim Einsatz von Waffen. Das Feedback der Unterstellten kommt in kurzen Zyklen und so kann das eigene Führungsverhalten laufend beurteilt und entwickelt werden. Die Kader lernen, dass sie durch Aufträge und Sinnvermittlung die Unterstellten weitaus mehr motivieren als mit Befehlen. Sie lernen, sich inhaltlich zurückzunehmen und die Unterstellten zu coachen. Der Umstand, dass auch die eigenen Chefs und Kameraden nach denselben Grundsätzen führen, ermöglicht durch eigene Erfahrung und Beobachtung zusätzliches Lernen.

Deshalb ist die Armee die einzige praktische Schule für Leadership in der Schweiz.

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